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Besichtigung der Baustelle Napoleonsberg am 16.09.2020

Endlich einmal eine Sperrung, bei der die Beeinträchtigungen des Verkehrs geringer waren als erwartet! Ohne Wartezeiten und kleinere Pannen geht es zwar auch am Napoleonsberg nicht, aber dafür, dass ursprünglich eine lange Vollsperrung geplant war, und die Verbindung zwischen Aachen und der Eifel hoch belastet ist, läuft es wirklich gut.

Aber der Reihe nach: Die Besichtigung der Baustelle am Napoleonsberg war die erste Veranstaltung, die seit Coronabeginn stattfinden konnte. Und auch dies nur, weil wir für die Vorträge freundlicherweise den Sitzungssaal der Bezirksverwaltung nutzen konnten. So war ein ausreichender Abstand der Teilnehmer gewährleistet.

Die Projektbeteiligten der Stadt Aachen, der Firma Eurovia und der Ingenieurbüros Kempen Krause (für die Baumaßnahme selbst) und Schwietering (für die Verkehrsführung) gaben uns einen Überblick über die Baumaßnahme selbst und die Verkehrsführung während der Bauzeit.

Da die Uferstützmauer zur Inde zwischen Steinkaulplatz und Korneliusmarkt in einem schlechten Zustand war (ihre Standsicherheit war rechnerische nicht mehr nachweisbar), wurde eine Instandsetzung der bis zu 10 m hohen Stützwand erforderlich. Bei dieser Gelegenheit sollte dann auch die Kragplatte verbreitert werden, um ausreichend Platz für einen 2,50 m breiten Rad-/ Gehweg zu bieten. Zum Schluss wird dann auch die Treppe in Richtung Inde instandgesetzt werden.

tl_files/VSVI-NRW/Bezirksgruppen/Aachen/Exkursionen_Berichte/Rueckblick_2020/2020-09-16 Baustelle Napoleonsberg_1.JPGDie Maßnahme kostet 2,7 Mio. EUR. Die Arbeiten begannen im Oktober 2019 und werden voraussichtlich im November 2020 abgeschlossen. Im ersten Bauabschnitt wurde das Mauerwerk der Stützmauer saniert. Im Anschluss daran wurde im Sommer 2020 die Kragarmplatte aus Fertigteilen eingehoben und die Kappe aufbetoniert.

Zuerst mussten große Mengen an Bewuchs am Mauerwerk und im Baufeld entfernt werden. Interessant gestaltete sich dann die Aufstellung des Baugerüstes: da es im Wasser der Inde aufgestellt werden musste, wurde es nicht nur mit kiesgefüllten Säcken im Bachbett befestigt, sondern zusätzlich mehr als üblich an der Stützwand verankert. Denn so harmlos die Inde oft aussieht, der Pegel steigt immer mal wieder erheblich an. Leidgeprüfte und Hochwassermarken am Marktplatz sind Zeugen dieser Hochwasser.
Das Gerüst wurde täglich überprüft und das angeschwemmte Treibgut entfernt. Außerdem wurde den Verantwortlichen über ein Warnsystem mitgeteilt, wenn der Wasserpegel sich bedenklich erhöhte. Im Oktober 2019 war er dann plötzlich so hoch, dass die untere Bohlenlage im Wasser verschwand und anschließend ganze Baumstämme, die angeschwemmt worden waren, entfernt werden mussten.

Nach der Sanierung des Mauerwerks wurden dann über ein Injektionsverfahren hunderte Mikropfähle durch die Stützmauer gebohrt, um Hohlräume zu verfüllen und die Mauer zu stabilisieren. Für die Bohrungen hinter der Stützwand musste dann erst einmal für Kampfmittelfreiheit gesorgt werden.

Da weder die historische Bausubstanz noch die neu verfugte Stützmauer beschädigt werden sollten, musste der anschließende Abbruch der alten Kragplatte erschütterungsarm erfolgen. Der alte Tragbalken unter der Fahrbahn (an dem die Kragplatte verankert ist) sollte erhalten und die Kragplatte abgeschnitten und ersetzt werden. Um dies so schnell wie möglich zu bewerkstelligen, wurde die neue Kragplatte aus Fertigteilen hergestellt, die dann nur noch vor Ort versetzt werden mussten.

Eigentlich waren Fertigteile für diese Maßnahme nicht unbedingt die sinnvollste Lösung. Statt gleichförmiger Teile mussten nämlich 62 Unikate (!) mit Anschlussbewehrung hergestellt werden. Dafür dauerte der Einbau dann aber nur acht Tage, in denen die Straße vollständig für den Verkehr gesperrt werden musste.

tl_files/VSVI-NRW/Bezirksgruppen/Aachen/Exkursionen_Berichte/Rueckblick_2020/2020-09-16 Baustelle Napoleonsberg_2.JPGDie Verkehrsführung war bei diesem Projekt generell kein einfaches Thema. Ursprünglich sollte die gesamte Maßnahme unter Vollsperrung durchgeführt werden. Dies wurde dann aber abgelehnt und es musste ein neues Konzept erarbeitet werden, dass auch den ÖPNV und den Schülerverkehr berücksichtigte. Die drei Hauptaugenmerke für die Verkehrsführung waren Pläne für die Baustelle selbst, Umleitungspläne für die verschiedenen Verkehrsarten und die Überwachung der Rückstaus.

Zwischen der Baustelle und der verbleibenden Fahrbahn wurde eine mobile Leitwand aufgestellt. Die wäre zwar theoretisch nicht erforderlich gewesen, war aber sinnvoll, um zum einen die Beschäftigten auf der Baustelle zu schützen und zum anderen den Zugang zur Baustelle zu erschweren.

Die beiden Lichtsignalanlagen am Steinkaulplatz und an der Brücke zum Korneliusmarkt wurden über Kabel miteinander verbunden und synchronisiert. Das funktionierte sogar besser als das bestehende (aber instabile) Funksystem, weshalb jetzt kurzerhand ein zusätzliches Leerrohr für das Kabel verlegt wurde, um die Schaltung der LSA auch in Zukunft zu verbessern.

Für die Bauzeit wurden verschiedene Programme erstellt, um den Verkehr zu den unterschiedlichen Zeiten möglichst effizient ableiten zu können. In der Anfangszeit der Baustelle kam es dabei immer wieder zu dem Phänomen, dass alle Verkehrsarme Rot hatten - alles stand still und keiner der Wartenden verstand warum. Der Grund: während der Anfangszeit sorgten Baustellenfahrzeuge vor dem Sensor der LSA dafür, dass diese dachte, die Räumzeit reiche nicht aus. Das System verlängerte also automatisch die Räumzeiten und sorgte so für Stillstand. Nachdem die Baustelle dann komplett eingerichtet war, erledigte sich dieses Problem von selbst.

Später wiederum (als wieder Fußgänger über die Ampel in Richtung Markt gehen konnten) stellte sich heraus, dass die vorgegebenen Räumzeiten etwas kurz waren. Manchmal wurde nämlich das letzte Auto von einer roten Ampel gestoppt – durchaus positiv für den Fußgänger – und versperrte damit dem entgegenkommenden Verkehr den Weg. Ein Dilemma für den Autofahrer: brav vor der Ampel stehen bleiben und sich dem Hupkonzert der Mitbürger aussetzen, oder aber die rote Ampel überfahren?

Im Großen und Ganzen funktionierte die Verkehrsführung allerdings sehr gut. Das wurde auch durch Drohnenvideos ermittelt, die dann mithilfe einer Spezialfirma ausgewertet werden konnten.

Zum Schluss schauten wir uns dann denn Baufortschritt vor Ort auf der Baustelle an. Nachdem im Sommer die Fertigteile der Kragplatte versetzt worden waren, wurde eine Abdichtung aufgebracht und die Kappe aufbetoniert. Jetzt fehlt nur noch das Geländer und die restlichen Straßenbauarbeiten, für die dann noch einmal eine Vollsperrung erforderlich wird. Aber im November sollten die Arbeiten abgeschlossen sein.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Beteiligten, dass sie sich alle für die Vorträge und unsere Fragen Zeit genommen haben und wir trotz Corona die Möglichkeit hatten, mehr über diese Maßnahme zu erfahren. Besonders danken wir der Stadt bzw. dem Bezirksamt für die Vorbereitungen und ihre Gastfreundschaft.

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