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Dr.-Ing. Heinrich Bökamp auf dem Brückenforum

Vortrag des Präsidenten der IK-Bau NRW Dr.-Ing. Heinrich Bökamp 

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, lieber Herr Schulte, sehr geehrte Frau Sauerwein Braksiek, meine sehr geehrten Damen und Herren,

für einen Blick in die Zukunft des Brückenbaus unter der Devise: „Droht NRW ein Brückenkollaps?“ ist es unerlässlich, kurz einen Streifzug in die Geschichte zu machen.Denn die Bedeutung, die das Bauwerk »Brücke« für die Entwicklung der Zivilisation und unserer Gesellschaft hat, wird erst dadurch deutlich.
Brücken waren schon immer besondere Bauwerke - nicht nur, weil sie eine besondere technische Herausforderung für ihre Konstrukteure darstellten. Sondern vor allem auch, weil sie eine enorme strategische und wirtschaftliche Bedeutung hatten und haben.
Siedlungen entstanden oft an Flüssen, weil Wasser als wichtiges Lebensmittel und Flüsse als Transportwege unerlässlich waren. Wer eine Brücke sein Eigen nennen konnte, hatte nicht nur Macht und Einfluss, sondern auch eine stetig sprudelnde Geldquelle - das ist heute sicherlich etwas anders als damals.

Aber Brückenzölle sicherten nicht nur volle Geldschatullen. Die Standorte an Brücken entwickelten sich auch schnell zu Markt- und Handelsplätzen. Sie waren dafür unerlässlich für Wohlstand und Wachstum.
Und das, meine Damen und Herren, ist bis heute so.
Seit geraumer Zeit ist der Zustand unserer Brücken ein öffentlich intensiv diskutiertes Thema.
Ereignisse wie in Genua - die mit dem Zustand unserer Brücken in Deutschland nicht zu vergleichen sind, das möchte ich ausdrücklich betonen - tragen dazu bei, dass Brücken heute wesentlich mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten als noch vor wenigen Jahren.
Und jede Baustelle und jede gesperrte oder für den Betrieb eingeschränkte Brücke ist für die Nutzer natürlich zunächst ein Ärgernis und ruft entsprechende Reaktionen hervor.
Heute sitzen hier diejenigen, die heute dafür sorgen möchten, dass die Zukunft der Brücken in NRW rosiger aussieht als es ihr Zustand heute ist.Lassen Sie uns deshalb nicht zurück, sondern nach vorn blicken - eben genau so, wie es die Art der Ingenieure ist.
Brücken sind die Knotenpunkte unserer Infrastruktur. Wie wichtig sie sind merken wir immer dann, wenn wir sie nicht so nutzen können, wie wir es gewohnt sind. Brücken sind immer auch Nadelöhre.
Bei Straßensperrungen kann man Umleitungen ausschildern. Neben einer Brücke steht aber selten eine zweite, die temporär die Funktion der anderen übernehmen kann.
Deshalb benötigen diese hoch komplexen Ingenieurbauwerke unsere höchste Aufmerksamkeit - schon bei der Planung und Konstruktion und selbstverständlich auch während ihrer kompletten Lebens- und Nutzungsdauer.

Und die ist lang: Die Mehrzahl der Brücken, die wir heute nutzen, ist weit über50 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie in aller Regel nicht für die heutigen Belastungen konstruiert wurde.
Dasselbe gilt somit wohl auch für Brücken, die wir heute neu bauen oder sanieren: Wir müssen sie nicht nur für den aktuellen Bedarf, sondern für künftige Nutzungen planen und bauen.
Und den nachfolgenden Generationen sind wir es schuldig, dass auch diese Brücken - im Sinne einer nachhaltigen Investition öffentlicher Gelder - mindestens ebenso lange ihren Dienst tun wie die Bauwerke, die wir heute im Gebrauch haben.
Das bedeutet, dass wir - egal, wie drängend ein akutes Problem an einer zu sanierenden oder zu ersetzenden Brücke auch sein mag - nicht auf»Schnellschüsse« setzen sollten.

Jede Brücke ist ein Unikat. Jede Brücke reagiert mit ihrer Konstruktion, ihrer Materialität und ihrer Gestaltung auf die konkrete Situation vor Ort.Brücken sind nicht nur nützliche Bauwerke, sie sind immer auch Identifikationspunkte und »Landmarks« - sie sind, bei aller Funktionalität, auch ein wichtiges Element unserer hohen Baukultur.
Deshalb sind Überlegungen wie »Serienfertigung« allein keine Lösung - wir brauchen die jeweils optimale individuelle Planung und Konstruktion vor Ort undkeinen Entwurf aus der Schublade, der dann aufwändig nachgebessert werden muss und letztlich doch irgendwie nicht passt.
Nur durch die konkrete individuelle Planung für die Gegebenheiten vor Ort können wir optimale Ergebnisse erzielen - und optimale Ergebnisse sind die wirtschaftlichste Art zu planen und zu bauen.
Auf diese Weise können Ingenieurinnen und Ingenieure einer ihrer ureigenen Aufgabe gerecht werden: Sie sorgen für die Sicherheit der Nutzer von Bauwerken.Und Sie sorgen dafür, dass ein Kollaps, ein plötzlicher Schwächeanfall infolge Verlust der Standsicherheit sicher ausgeschlossen bleibt.
Wir haben unsere Brücken im Blick!
Sicherheit - das ist ein Aspekt, über den sich ein Fußgänger, ein Rad- oder Autofahrer oder auch ein Fahrgast in einem Zug keine Gedanken macht, wenn er eine Brücke überquert.
Sie wird schlicht vorausgesetzt: Was in Deutschland geplant und gebaut wird, ist sicher. Hat sicher zu sein.

Dafür gibt es schließlich Gesetze. Und Normen. Und Qualitätssicherung. Und Überprüfungen.
Es gibt aber auch Unternehmer und Sub-Unternehmer und Sub-Sub- Unternehmer, es gibt immer komplexer werdende Planungs- und Bauprozesse, es gibt eine beinahe nicht mehr zu überblickende Fülle an Vorschriften - von der Vergabe bis hin zum kleinsten Konstruktionsdetail ist nahezu alles irgendwelchen Regeln unterworfen, die jemand im Blick behalten muss.
In aller Regel ist das: der Ingenieur oder die Ingenieurin.
Der Nutzer einer Brücke weiß davon nur selten etwas - er setzt voraus, dass die, die da zugange sind, um zu planen und zu bauen, schon wissen, was sie tun. Er fühlt sich sicher - zurecht.
Was aber ist eigentlich »Sicherheit«?

Sie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels unterschiedlicher Faktoren. Planung spielt da eine entscheidende Rolle, aber auch die Güte vonBaustoffen, die kompetente Fertigung auf der Baustelle, die Überwachung der Bautätigkeit und später dann auch das permanente Monitoring des gesamten Bauwerks.
Sicherheit ist aber auch das Versprechen der Verantwortlichen an die Nutzer - ein Versprechen auf körperliche Unversehrtheit und auf die Abwehr - oder Abwendung - von materiellem und immateriellen Schaden.
Sicherheit: Ihr könnt diese Brücke nutzen und es wird Euch nichts dabei passieren. Sie wird das tun, wofür sie konstruiert wurde, und wir haften dafür und stehen mit unserem guten Namen dafür ein.
Sicherheit ist aber auch - ich habe das bereits erwähnt - ein Gefühl. Wir würden vermutlich irre, wenn wir beim Betreten jedes Gebäudes, bei jedem Einstieg in ein Fahrzeug oder beim Schlendern über eine Fußgängerbrücke darüber nachdenken würden: hält die mich aus? Was, wenn es stürmt? Und die Fundamente - sind die sicher, alle Schrauben korrekt angezogen, alle verbauten Materialien einwandfrei?
Wir leben - zumindest im westlichen Europa - in der recht luxuriösen Situation, dass wir uns auf die Sicherheit der gebauten Umwelt verlassen können. Wir haben ein ausgeklügeltes und aufwändiges System etabliert, das uns diese Sicherheit gewährleistet.
Als Stichworte möchte ich hier nur die universitäre Ausbildung, die Trennung von Planung und Ausführung oder das Vier-Augen-Prinzip nennen - alles Bausteine einer qualitätsvollen, sicheren Planungs- und Baukultur in Deutschland.

Die Basis hierfür ist das Wissen, das den jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren in ihrer Hochschul-Ausbildung vermittelt wird. Es ist richtig, dass der Bologna- Prozess die Studiengänge umfassend verändert hat - wir haben heute eine weitaus größere Zahl an ausdifferenzierten und spezialisierten Studien- Möglichkeiten als noch vor 20 Jahren.
Aber: Nur weil es anders ist, ist es deshalb nicht schlechter. Auch unsere Bauvorhaben werden immer komplexer und ausdifferenzierter, insofern ist es in vielen Bereichen nur folgerichtig, dass manche Studiengänge darauf reagieren.
Unsere Aufgabe - auch die der Kammer, aber insbesondere die der Hochschulen- ist es sicherzustellen, dass die Qualität der Ausbildung auf einem hohen Niveau erhalten bleibt.Ein neues Mittel, um Qualität nicht nur sicherzustellen, sondern auch zu dokumentieren, bietet uns die neue Landesbauordnung.
Wir haben mit dem »qualifizierten Tragwerksplaner« nun erstmals die Situation, dass klare Anforderungen an diejenigen Personen formuliert werden, die eine Tragwerksplanung erstellen.
Das ist ein wichtiger Schritt, dessen Bedeutung man nicht hoch genug einschätzen kann.
In der Rückschau scheint die bisherige Situation geradezu absurd: Es gab keinerlei Anforderungen - jeder konnte eine Tragwerksplanung erstellen. Das ist, als ob sie sich für eine Herz-OP im Nagelstudio entscheiden.

Jetzt ist es endlich gelungen, hier klare Regelungen zu treffen - ein Meilenstein für die Planungskultur und Planungsqualität und vor allem für die Sicherheit von Bauwerken.
Wie geht es weiter mit den Brücken in NRW?
Wir haben, das muss ich ihnen nicht detailliert erklären, ziemlich viele davon. Und nicht wenige sind in einem Zustand, der Handeln notwendig macht.
Wir haben ein etabliertes System an Brückenprüfungen. Ich bin mir sicher, dass wir relevante Schäden oder Beeinträchtigungen dadurch rechtzeitig erkennen und notwendige Maßnahmen ergreifen können.
Die Entwicklung neuer Untersuchungs- und Überwachungsmethoden ist permanent im Fluss - hoch komplexe Konstruktionen brauchen unsere volle Aufmerksamkeit und die bekommen sie, mit fortschreitender Technologie, künftig noch wesentlich effizienter.
Es wird aber kein Weg daran vorbeiführen, dass wir als Gesellschaft das dafür erforderliche Geld zur Verfügung stellen, um unsere Infrastruktur in Schuss zu halten und bedarfsgerecht weiter zu entwickeln.
An vielen Stellen kommen wir kaum hinterher, die Defizite der Vergangenheit zu bewältigen. Unser oberstes Ziel muss aber die Ertüchtigung für die Zukunft sein.Das gelingt durch eine Erhöhung und Verstetigung der zur Verfügung stehenden Mittel. Dieser Part obliegt der Politik, hier muss sie ihrer Verantwortung gerecht werden.
In der Verantwortung der öffentlichen Verwaltungen liegt es, diese Mittel zielgerichtet und effizient einzusetzen.

Hierzu müssen wir uns mit dem Thema Vergabe befassen, denn nicht immer ist der Aufwand für europaweite Ausschreibungen gerechtfertigt und schon gar nicht ist es wirtschaftlich, dem jeweils preiswertesten Anbieter den Zuschlag zu erteilen, wie viele Beispiele immer wieder eindeutig unter Beweis stellen.
Mir ist bewusst, dass das Thema »Vergabe« als mittlerweile europaweit reguliertes Thema ein sehr, sehr dickes Brett ist, an dem nicht nur wir bohren, sondern viele mit uns gemeinsam.
Mir ist dabei wichtig, dass alle Regelungen zur Vergabe kein Selbstzweck sein dürfen, sondern letztlich ein konkretes Ziel erfüllen müssen: Am Ende muss das bestmögliche Bauwerk entstehen zu einem Preis, der über die gesamte Lebensdauer hinweg betrachtet am wirtschaftlichsten ist.
Gern entwickeln wir die besten Lösungen für eine Planungs- und Bauaufgabe übrigens in Wettbewerben. Sie sind ein gutes Mittel, um im Wettbewerb der Ideen die Qualität des Entwurfs zum entscheidenden Kriterium zu machen und nicht den Preis einer Leistung.
Und schließlich sind auch wir Ingenieure in der Verantwortung. Als Angehörige der Freien Berufe sind wir in besonderem Maße dem Allgemeinwohl verpflichtet. Das ist für uns nicht einfach nur ein Etikett, das wir uns ans Revers heften - das ist für uns eine tiefe innere Überzeugung.,
Wir beraten unabhängig und immer mit dem Ziel, bestmögliche Ergebnisse zu erreichen - für unsere Bauherren und damit im Bereich des Brückenbaus immer auch für die Allgemeinheit.Wir tun dies auf der Basis unseres Wissens und unserer Erfahrung - in aller Regel in interdisziplinären Teams, bei denen jede einzelne Person mit ihrer individuellen Expertise sich in die Gesamt-Kompetenz einbringt.
Gute Ergebnisse entstehen immer dort, wo Menschen mit Respekt und Vertrauen zusammenarbeiten. Dies ist an vielen Stellen gerade im Brückenbau gegeben und zu beobachten.Dabei zeigt sich immer wieder, dass unser Handeln ganz wesentlich durch unsere innere Einstellung bestimmt ist.
Ingenieure und Ingenieurinnen sind ein wichtiger Baustein in der Vermeidung eines plötzlichen Versagens einer Brücke - einem Brückenkollaps.

Als Ingenieurkammer-Bau NRW haben wir dabei ein großes Augenmerk darauf, dass überall dort, wo »Ingenieur« draufsteht, auch »Ingenieur« drin ist, dies ist nicht so selbstverständlich, wie man glaubt.
Der Marke »Ingenieur« und den von ihnen betreuten Brücken dürfen Sie also nicht nur heute, sondern auch in Zukunft vertrauen.

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